Die Begriffe „Diversity“ und „Intersektionalität“ erleben Konjunktur. Doch was sagen sie genau aus? Und – noch wichtiger – was ist ihr Nutzen? Hier erfahren Sie es – einfach und verständlich erklärt.
Diversity
Der soziale Wandel macht unsere Gesellschaft vielfältig, also divers. Das hat zur Folge, dass die personelle Zusammensetzung von Arbeitsteams auch immer vielfältiger wird.
Das gleiche beobachten wir auf der Seite der Dienstleistungsempfänger*innen: Die Lebensrealitäten von Schüler*innen, Patient*innen und Klient*innen etwa werden heterogener und ihre Identitäten sind von verschiedenen Merkmalen geprägt.
Wesentliche Merkmale sind Geschlecht, soziale und nationale Herkunft, Hautfarbe, Alter, sexuelle Orientierung sowie psychische, kognitive und physische Fähigkeiten.
Was bedeutet Diversity genau?
Der aus dem US-amerikanischen Bürgerrechtsumfeld kommende Diversity-Ansatz bedeutet zwei Dinge:
- Verschiedenheit anzuerkennen, ohne zu bewerten, und darüber hinaus Verschiedenheit als Ressource zu sehen.
- Strukturen zu hinterfragen, die gewisse Identitätsmerkmale bevorzugen und andere diskriminieren.
Intersektionalität
Das Modell der Intersektionalität fokussiert noch stärker auf die dynamische Wechselwirkung von gesellschaftlichen Positionen der Über- und Unterlegenheit.
Es nimmt rechtliche Normen und institutionelle Muster in den Blick, die die Marginalisierung beziehungsweise Privilegierung von Personengruppen herstellen und festigen.
Bei Intersektionalität stehen also die gesellschaftlichen Machtverhältnisse im Zentrum.
Was bedeutet Intersektionalität genau?
Intersektionalität geht davon aus, dass gewisse Merkmale wie Geschlecht, soziale Herkunft und nationale Herkunft/Hautfarbe bestimmen, ob jemand in unserer Gesellschaft privilegiert beziehungsweise marginalisiert wird.
Intersektionalität hilft also, Mehrfachdiskriminierung aufzudecken und die Gleichzeitigkeit von verschiedenen Marginalisierungsursachen zu erkennen.
Was ist der Unterschied zwischen Diversity und Intersektionalität?
Während der Diversity-Ansatz von festen Kategorien ausgeht (Geschlecht, Herkunft, Alter, sexuelle Orientierung sowie Befähigung resp. Beeinträchtigung), impliziert das Modell der Intersektionalität, dass die einzelnen Kategorien nicht fest sind, sondern sich erst in der Wechselwirkung mit anderen Kategorien umreissen lassen.
Es macht also einen Unterschied, ob ich als Frau einen Migrationshintergrund oder eine dunkle Hautfarbe habe oder aber als privilegierte Einheimische aufgewachsen bin.
Intersektionalität weist ferner darauf hin, dass wir bei jeder Kategorie von einer (unausgesprochenen oder unreflektierten) Standardreferenz ausgehen: Wenn wir beispielsweise an eine Frau denken, denken wir oft an eine einheimische Frau und nicht an eine Frau mit Migrationshintergrund).
Kurz und knapp: Diversity hilft, Verschiedenheit und Unterschiede zu sehen und als Potenzial zu deuten. Intersektionalität zeigt uns wiederum, von welchen Konstruktionen von Differenz wir ausgehen und wie diese in vorherrschende Machtkonstellationen eingebettet sind.
Entwicklung von Diversity- und Intersektionalitätskompetenz
Beide Konzepte sind relativ neu, doch sie finden langsam auch im deutschsprachigen Raum ihren Niederschlag.
Wenn es bis anhin um Umgang mit Vielfalt ging, standen bis jetzt vor allem Personen mit Migrationshintergrund im Zentrum. In pädagogischen, gesundheitsrelevanten und sozialen Berufsfeldern wurde vor allem interkulturelle oder transkulturelle Kompetenz gefordert. Ebenfalls legte man oft den Fokus auf Fragen der Geschlechtergerechtigkeit.
Aufgrund des heutigen Wissensstandes greifen diese Blicke zu kurz. Angesichts der heutigen sozialen Realität braucht es erweiterte Kompetenzen, die auch Diversity und Intersektionalität umfassen.
Hallo Rebecca, vielen Dank für Deine klare Darstellung. Nun habe ich die Frage, wie Du zwischen Diversity und Intersektionalität nun noch De-Kolonisierung (in der internationalen Kooperation) einordnest. Wäre De-Kolonisierung, also die Abkehr von den aus / seit der Kolonisierung bestehenden Machtverhältnisse eine „Spielart“ der Intersektionalität?
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Hallo Uli. Danke vielmals für die Frage.
Während wir unter Diversity das Vorhandensein einer Vielzahl von unterschiedlichen Identitäten und Erfahrungen innerhalb einer Gruppe oder Organisation verstehen, und Diversity darauf abzielt, die Repräsentation und Einbeziehung verschiedener Identitäten und Perspektiven zu fördern, so geht Intersektionalität vom Vorhandensein von Unterdrückung und Diskriminierung aus und anerkennt, dass Menschen diese aufgrund ihrer sich überschneidenden Identitäten mit grosser Wahrscheinlichkeit auf unterschiedliche Weise erleben.
Mit Blick auf De-Kolonialisierung in der Internationalen Kooperation braucht es Diversity in allen Phasen der Projektentwicklung und -durchführung, also bei der Konzeptualisierung, Teamzusammensetzung, Wissensgewinnung, Ziel- und Wirkungsfestlegung. Da der Rahmen der internationalen Kooperation durch das Verhältnis globaler Süden – globaler Norden gezeichnet ist, handelt es sich um das Vorhandensein von ungleichen Herrschaftsverhältnissen. Hier hilft Intersektionalität als Theorie, da sie die Überschneidung der Systeme von Diskriminierung und Unterdrückung sowie ihre gegenseitige verstärkende Wirkung untersucht und analysiert, weil ihr Augenmerk auf den nicht-privilegierten/marginalisierten Identitäten liegt.
Die Intersektionalitätstheorie deckt auf, wie die sich überschneidenden Systeme von Diskriminierung und Unterdrückung die Möglichkeiten und Erfahrungen der Individuen beeinflussen. Durch das Prisma der Intersektionalität verstehen wir, wo die Barrieren und blinden Flecken sind, die für die De-Kolonialiserung der Internationalen Kooperation benötigte Diversität behindern. Transformation im Sinne der De-Kolonialisierung wird dann wahrscheinlicher.
Ich hoffe, das hilft.
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